Hintergrund: Gemeindebrief

Der schlafende Riese wacht auf

Noch zwei Stunden bis zum Andruck, für drei Meldungen ist noch Platz: Kirchenvorstand, Bachkonzert, Kindergottesdienst – Themen gibt es genug. Die Zeit drängt, der Gemeindebrief muss in den Druck. In gut 10.000 Briefkästen soll er in einer Woche liegen: Unser Gemeindebrief. Er kommt zu den Menschen – gratis, einfach so.

Der Gemeindebrief ist nach wie vor das Leitmedium von Kirchengemeinden in Deutschland. Das zeigt das Ergebnis der EKD Mitgliedschaftsuntersuchung aus dem Jahr 2014. Es wurde gefragt, durch welche Medien sich die Mitglieder der evangelischen Kirche über kirchliche und religiöse Themen und Inhalte informieren. 18 Prozent der Befragten geben an: über den Gemeindebrief, drei bis vier Prozent über das Internet.

Der Gemeindebrief ist das Bindeglied für viele Gemeinden, die zusammen wachsen wollen, auf der Suche nach einem neuen Profil sind.

Der Gemeindebrief ist ein Geh-Medium: Im Gegensatz zum Internet, bei dem Inhalte von den Nutzern gefunden werden, wenn sie auch gesucht und besucht werden, „geht“ er auf direktem Weg zu den  Menschen im Ort und lädt zur aktiven Beschäftigung ein.

Der „schlafende Riese“, das ist der Gemeindebrief. Das war 1995 das Ergebnis der GEP-Studie[1], das belegen ebenso aktuelle Ergebnisse. So hat etwa die Mitgliederbefragung des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) der EKD ergeben: 42 Prozent aller Befragten nehmen ihre Kirchengemeinde durch den Gemeindebrief wahr, 20 Prozent durch die Tageszeitung, nur 19 Prozent durch den Gottesdienst.[2] Unter den 21- bis 25-jährigen Befragten sind es sogar 43 Prozent, die etwas über ihre Kirchengemeinde durch den Gemeindebrief erfahren. Die aktuellen Ergebnisse der Befragung „Wie geht´s der Kirchengemeinde“ durch das SI  der EKD dokumentieren: „An vorderster Stelle (wichtiger Aufgabenbereiche) sind Gottesdienst, Konfirmandenarbeit, Arbeit mit Kindern, Gemeindebrief (...) positioniert.“[3]

Der Gemeindebrief unterliegt dabei neuen Herausforderungen: Gerade in Regionalisierungs- oder Fusionsprozessen von Kirchengemeinden bildet der Gemeindebrief das entscheidende Scharnierstück. Damit wird das Profil der Gemeinden geschärft, das einheitliche Gesicht von Kirche im Stadtteil oder Landkreis in der Öffentlichkeit präsentiert.

Die hohe Auflage der Gemeindebriefe, die extrem große Reichweite und der Stellenwert des Gemeindebriefes bei vielen Kirchengliedern, aber auch Distanzierten erfordern ein hohes Maß an Professionalität an die Redaktionen vor Ort. Layout, Themenauswahl, journalistischer Anspruch, Finanzierung sind dabei die Schlagworte. Und übrigens: Mit einer Auflage von mehr als 115 Millionen Exemplaren jährlich bilden die Gemeindebriefe den größten Bereich der Evangelischen Publizistik. Von 81 Prozent der evangelischen Gemeinden in Deutschland wird ein Gemeindebrief herausgegeben, das sind rund 14.000 Stück, die in einer durchschnittlichen Auflage von mindestens 1000 Exemplaren monatlich oder vierteljährlich erscheinen. Die Gemeindebriefe erfüllen dabei eine Informationspflicht als Service der Gemeinden an ihre Ortsmitglieder.

Der Gemeindebrief kann sogar noch mehr leisten: Die Untersuchungen über Gemeindebrief zeigen deutlich: Der Gemeindebrief ist ein wichtiges Medium der Gemeindearbeit und wesentliches Instrument zur Mitgliederkommunikation: Er informiert und begleitet die Menschen. Der Gemeindebrief trägt zur Mitgliedergewinnung bei, indem über Angebote und Aktivitäten der Gemeinde berichtet wird. Der Gemeindebrief schafft Transparenz beispielsweise beim Stichwort “Kirche und Geld”. Und: Der Gemeindebrief vermittelt das Gefühl der  Heimat- und Gemeindeverbundenheit sowie schenkt Glaubensgewissheit. Mehr geht nicht.

Marcus Buchholz, EMSZ

 

 

[1] Der Gemeindebrief, Repräsentative Untersuchung zu Verbreitung, Akzeptanz und Nutzung von Gemeindebriefen im Auftrag des Gemeinschaftswerkes Evangelischen Publizistik e.V., Sonderheft 1995, S. 5.

[2] Fischen gehen bei den „ziemlich Verbundenen“. Die Zukunft der Kirche liegt in der Mitte der Gesellschaft, Ergebnisse der Mitgliederbefragung der Ev.-luth. LK Hannovers , Petra-Angela Ahrens / Gerhard Wegner, Sozialwissenschaftliches Institut der EKD (SI), 2006.

[3] Wie geht´s der Kirchengemeinde?, Die Kirchengemeinde-Umfrage des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI), Hannover, 2012, S. 17.